Körperarbeit
Osteopathie
Kurz erklärt
Osteopathie ist eine Behandlung mit den Händen. Entwickelt hat sie der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; seine erste Schule gründete er 1892. Die Behandlerin tastet Gewebe, Gelenke und Muskeln ab und behandelt sie mit Druck, Dehnung, sanften Bewegungen und manchmal kurzen, ruckartigen Impulsen. Dazu kommen Techniken am Schädel (kraniale Osteopathie) und im Bereich der Organe (viszerale Osteopathie).
In Deutschland gilt Osteopathie als Heilkunde. Ausüben dürfen sie Ärztinnen und Ärzte und Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker; Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit osteopathischer Zusatzausbildung nach Auskunft der niedersächsischen Landesregierung von 2017 nur auf ärztliche Verordnung. Ein eigenes Berufsgesetz gab es damals nicht. Osteopathie ist keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen; manche Kassen bezuschussen sie freiwillig.
Am besten untersucht ist sie bei Rücken- und Nackenschmerzen. Dort linderte sie in Studien mehr als keine oder eine andere Behandlung, gegenüber einer Scheinbehandlung aber kaum. Sie kann eine ärztliche Abklärung ergänzen, ersetzt sie aber nicht.
Wie es wirken soll
- Teilweise belegt
- Traditionell genutzt
- Studien sprechen dagegen
Nach dem Selbstverständnis der Osteopathie, wie es die WHO in ihren Ausbildungsstandards beschreibt, ist der Mensch eine Einheit aus Körper, Geist und Seele, der Körper hat eigene Kräfte zur Selbstregulation und Selbstheilung, und Bau und Funktion hängen zusammen. Die Behandlung soll Spannungen und Bewegungsstörungen im Gewebe lösen, die nach dieser Lehre Nerven, Blutgefäße und Stoffwechsel behindern. Diese Erklärung ist die Sicht des Fachs, kein gemessener Befund.
Was Studien finden: Eine Übersicht über 27 systematische Reviews fand nach Belegen mittlerer Qualität weniger Schmerzen bei chronischen Kreuzschmerzen, Kreuzschmerzen in der Schwangerschaft und akuten Nackenschmerzen, keine Linderung bei akuten Kreuzschmerzen, Fibromyalgie und Kopfschmerzen verschiedener Ursachen. Gegenüber einer Scheinbehandlung fand eine Metaanalyse von neun Studien bei Nacken- und Kreuzschmerzen keinen bedeutsamen Unterschied. Ein Teil der Wirkung geht also wohl auf Berührung, Zuwendung und Erwartung zurück. Für die kraniale und die viszerale Osteopathie zeigten Reviews, dass verschiedene Behandelnde nicht zu denselben Befunden kommen, und gute Belege für eine Wirkung fehlen. Eine Prüfung von 61 neueren Studien fand viele kleine, schwache und geschönt berichtete Arbeiten.
Quellen: Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8, Quelle 9, Quelle 10
Wofür
Nackenschmerzen
- Erste Hinweise
Bei Nackenschmerzen gibt es Hinweise, dass Osteopathie kurzfristig lindert. Eine Übersicht über 27 Reviews fand bei akuten Nackenschmerzen nach Belegen mittlerer Qualität weniger Schmerzen, bei chronischen eine mögliche Linderung. Ein österreichischer Review hält eine Linderung bis zu drei Monate für möglich. Nach dem IQWiG sollen Kräftigungsübungen chronische Nackenschmerzen lindern; welche Übungen am besten helfen, ist noch offen.
Was dagegen spricht
Für Behandlungen mit Manipulation und Mobilisation fehlen nach dem IQWiG gute Belege; Studien zeigen nur geringe bis keine Effekte. Eine Metaanalyse zu Osteopathie bei Nackenschmerzen beruht auf vier kleinen Studien mit sehr geringer Belegqualität, und gegenüber Schein fand eine größere Metaanalyse bei Nacken- und Kreuzschmerzen keinen Unterschied.
Rückenschmerzen
- Teilweise belegt
Bei chronischen Kreuzschmerzen ist Osteopathie recht gut untersucht. Eine Metaanalyse von 15 Studien fand nach Belegen mittlerer Qualität drei Monate nach der Behandlung weniger Schmerzen und eine bessere Funktion, auch bei Kreuzschmerzen in der Schwangerschaft. Eine Übersicht über 27 Reviews kommt für chronische Kreuzschmerzen zum selben Ergebnis. Die deutsche Versorgungsleitlinie hält Manipulation und Mobilisation bei Kreuzschmerzen für möglich. Bewegung und aktiv bleiben sind dabei die Grundlage.
Was dagegen spricht
Bei akuten Kreuzschmerzen zeigte sich keine Linderung. Gegenüber einer Scheinbehandlung fand eine Metaanalyse von neun Studien mit über tausend Behandelten keinen bedeutsamen Unterschied. Viele Studien sind klein, nicht verblindet und kommen aus dem Fach selbst. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen Osteopathie nicht als Regelleistung.
Quellen: Quelle 2, Quelle 3, Quelle 6, Quelle 9, Quelle 12, Quelle 13
Wer das anbietet
Für Fragen zu deiner persönlichen Situation sind Fachleute die richtige Anlaufstelle: deine Hausarztpraxis, deine Apotheke oder Heilpraktiker:innen mit Zulassung.
Die Methoden auf dieser Seite bieten zum Beispiel an: Heilpraktiker:in, Ärztin / Arzt, Physiotherapeut:in.
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Risiken
In den Studien waren unerwünschte Wirkungen meist leicht und gingen rasch vorbei; schwere wurden in den ausgewerteten Studien nicht berichtet. Allerdings fragten viele Studien gar nicht danach, und bei Kindern wurden Nebenwirkungen schlecht erfasst. Für ruckartige Manipulationen an der Wirbelsäule nennt das IQWiG anfangs stärkere Schmerzen, vorübergehend Kopfschmerzen oder Schwindel und, äußerst selten, Verletzungen von Halsgefäßen bis zum Schlaganfall.
Die Ausbildungsstandards der WHO zählen Lagen auf, in denen direkte Techniken nicht angewendet werden sollen, etwa eine Blutungsneigung, blutverdünnende Medikamente ohne aktuelle Kontrolle, frische Knochenbrüche, Tumoren, ein Bandscheibenvorfall mit zunehmenden Lähmungen und ungeklärte Bauchschmerzen; Osteoporose gilt dort als Grund zur Vorsicht. Sag deshalb vorher, welche Erkrankungen du hast und welche Medikamente du nimmst.
Osteopathie soll keinen Arztbesuch hinausschieben. Lass Schmerzen mit Lähmungen, Fieber, nach einem Unfall oder bei bekannter Krebserkrankung zuerst ärztlich abklären. Kannst du plötzlich das Wasser nicht halten oder nicht lassen, den Stuhl nicht halten oder ist der Bereich um Gesäß und Genitalien taub, ist das ein Notfall: ruf 112. Treten nach einem Griff an der Halswirbelsäule plötzlich Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen oder ein ungewohnt heftiger Kopfschmerz auf, ruf ebenfalls sofort 112.
Häufige Fragen
Hilft Osteopathie bei Rückenschmerzen?
- Teilweise belegt
- Studien sprechen dagegen
Bei chronischen Kreuzschmerzen gibt es Belege mittlerer Qualität, dass sie die Schmerzen etwas lindert und die Beweglichkeit im Alltag bessert, verglichen mit keiner oder einer anderen Behandlung. Bei akuten Kreuzschmerzen zeigte sich keine Linderung. Gegenüber einer Scheinbehandlung fand eine Metaanalyse von neun Studien bei Nacken- und Kreuzschmerzen keinen bedeutsamen Unterschied; eine kleinere neuere fand bei chronischen Kreuzschmerzen in zwei Studien gegen Schein eine bessere Funktion. Die Ergebnisse widersprechen sich also. Die deutsche Versorgungsleitlinie sagt, Manipulation und Mobilisation können bei Kreuzschmerzen angewendet werden. Grundlage bleibt Bewegung.
Zahlt die Krankenkasse Osteopathie?
- Teilweise belegt
Nicht als Regelleistung. Nach Auskunft der niedersächsischen Landesregierung von 2017 übernehmen gesetzliche Krankenkassen Osteopathie nur als freiwillige Satzungsleistung, weil ihr Nutzen nicht so belegt ist, wie es die Krankenversicherung für eine Regelleistung verlangt. Ob und wie viel deine Kasse zahlt und welche Ausbildung sie von der Behandlerin verlangt, steht in ihrer Satzung; frag dort vorher nach.
Ist Osteopathie bei Babys und Kindern sinnvoll?
- Erste Hinweise
Ein Nutzen ist nicht sicher belegt, und die Übersichten widersprechen sich. Eine Übersicht über 27 Reviews fand nach Belegen mittlerer Qualität, dass Osteopathie bei Frühgeborenen den Krankenhausaufenthalt verkürzen kann. Ein systematischer Review von 13 Studien bei Kindern fand dagegen bei Frühgeborenen kaum oder keine Verkürzung, bei sehr geringer Belegsicherheit; die einzige Studie mit geringem Verzerrungsrisiko fand keine Wirkung aufs Stillen, und Nebenwirkungen wurden schlecht erfasst. Für die sanften Techniken am Schädel, die bei Babys oft angeboten werden, fehlen gute Belege, und verschiedene Behandelnde kommen nicht zu denselben Befunden. Ein schreiendes, trinkschwaches oder fieberndes Baby gehört zuerst in die Kinderarztpraxis.
Ist Osteopathie gefährlich?
- Erste Hinweise
Meist nicht. In Studien waren unerwünschte Wirkungen leicht und gingen rasch vorbei; schwere wurden nicht berichtet, allerdings fragten viele Studien nicht danach. Bei ruckartigen Griffen an der Halswirbelsäule sind Verletzungen von Gefäßen äußerst selten, aber beschrieben. Sag vorher, ob du Blutverdünner nimmst, Osteoporose, einen frischen Bruch oder eine Krebserkrankung hast.
Ähnliche Methoden
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Quellen
Alle 15 Quellen anzeigen
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- Wer darf Osteopathie ausüben? (Teil 2), Antwort der Landesregierung, Drucksache 17/7624. Niedersächsischer Landtag, Antwort des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, 2017Behörde / amtliche StelleZur Quelle
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