Probiotikum
Probiotika
Auch bekannt als: Probiotische Bakterien, Lebende Bakterienkulturen, Milchsäurebakterien als Nahrungsergänzung, Lactobazillen, Bifidobakterien, Saccharomyces boulardii
Kurz erklärt
Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge aufgenommen der Gesundheit nutzen sollen; so bestimmen es FAO und WHO. Meist sind es Bakterien der Gruppen Lactobacillus und Bifidobacterium, manchmal Hefen wie Saccharomyces boulardii. Wichtig ist der Stamm: Was ein bestimmter Stamm in Studien zeigte, gilt nicht für andere.
Diese Seite behandelt Probiotika als Präparate, also Kapseln, Pulver oder Tropfen mit ausgewählten Stämmen. Lebende Joghurtkulturen haben eine eigene Seite: Für sie gibt es die einzige in der EU zugelassene Gesundheitsaussage für Lebensmittel mit Bakterien, zur Verdauung von Milchzucker. Für Probiotika als Nahrungsergänzung ist keine zugelassen.
Am besten untersucht ist die Einnahme während einer Antibiotika-Behandlung und beim Reizdarm. Bei einer akuten Magen-Darm-Infektion halfen sie in den verlässlichsten Studien nicht. Wie gut die Belege jeweils sind, steht bei den Anwendungen.
Probiotika werden meist als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, einzelne als Arzneimittel. Nach der Verbraucherzentrale ist für Nahrungsergänzungsmittel mit Bakterienkulturen keine Gesundheitsaussage zugelassen, und schon der Begriff „probiotisch“ gilt in der Werbung als unzulässige Gesundheitsaussage. Zugelassen ist nur die Aussage zu lebenden Joghurtkulturen und der Verdauung von Milchzucker.
Wofür
Blähungen
- Erste Hinweise
Die europäische Konsensempfehlung zu Blähungen und Blähbauch nennt Probiotika unter den möglichen Behandlungen. Nach der deutschen Reizdarm-Leitlinie fanden Übersichtsarbeiten bei Menschen mit Reizdarm etwas weniger Blähungen.
Was dagegen spricht
Die amerikanische Fachgesellschaft AGA rät, Probiotika gegen Blähungen und Blähbauch nicht einzusetzen. Eine der Übersichten in der Reizdarm-Leitlinie fand bei den Blähungen keinen Unterschied. Die europäischen Empfehlungen beruhen meist auf schwacher Evidenz.
Durchfall
- Teilweise belegt
- Studien sprechen dagegen
Während einer Antibiotika-Behandlung: In einem Cochrane-Review von 2025 mit 47 Studien hatten 23 von 100 Menschen mit Probiotika Durchfall durch Antibiotika und 27 von 100 ohne; ein Durchfall durch Clostridioides difficile trat etwa halb so oft auf. Bei einer akuten Magen-Darm-Infektion dagegen hatten in den zwei verlässlichsten Studien eines anderen Cochrane-Reviews mit Probiotika genauso viele Kinder zwei Tage oder länger Durchfall wie ohne. Die deutsche Leitlinie sagt, Probiotika sollen bei akuter Magen-Darm-Infektion nicht eingesetzt werden.
Was dagegen spricht
Die Ergebnisse zu Antibiotika haben meist niedrige Vertrauenswürdigkeit, und in 28 Studien gab es Verbindungen zu Herstellern. Die deutsche Leitlinie gibt zur Vorbeugung gegen Clostridioides difficile keine Empfehlung, weil die Studien sehr uneinheitlich sind und offen ist, welches Probiotikum. Für Erwachsene mit akutem Durchfall gibt es kaum Studien. Menschen mit geschwächter Abwehr sollen keine lebenden Keime einnehmen.
Erkältung
- Erste Hinweise
Zur Vorbeugung: In einem Cochrane-Review von 23 Studien mit 6.950 Kindern, Erwachsenen und Älteren erkrankten mit Probiotika möglicherweise weniger Menschen an einem Infekt der oberen Atemwege, und die Infekte dauerten im Mittel gut einen Tag kürzer. Die Nebenwirkungen waren leicht, meist Magen-Darm-Beschwerden.
Was dagegen spricht
Die Vertrauenswürdigkeit der Hauptergebnisse ist gering, und die Studien nutzten sehr unterschiedliche Stämme, meist über mehr als drei Monate. Ob Probiotika eine schon bestehende Erkältung lindern, hat dieser Review nicht untersucht.
Quelle: Quelle 8
Neurodermitis
- Studien sprechen dagegen
In einem Cochrane-Review von 39 Studien mit 2.599 Teilnehmenden machten Probiotika bei bestehender Neurodermitis wahrscheinlich wenig oder keinen Unterschied bei den selbst berichteten Beschwerden und der Lebensqualität. Die Autoren halten den Einsatz zur Behandlung nicht für belegt.
Was dagegen spricht
Bei der ärztlichen Einschätzung der Schwere zeigte sich ein kleiner Effekt, der unter der Schwelle für einen spürbaren Unterschied lag. Die Studien unterschieden sich stark, und untersucht wurden vor allem Lactobazillen und Bifidobakterien; andere Stämme sind kaum geprüft.
Quelle: Quelle 9
Reizdarm
- Teilweise belegt
Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt ausgewählte Probiotika beim Reizdarm; der Stamm kann nach den Beschwerden gewählt werden. Übersichtsarbeiten fanden etwas weniger Beschwerden und weniger Blähungen, eine davon häufiger eine Besserung der Gesamtbeschwerden und eine bessere Lebensqualität. Die Leitlinie rät, jeden Versuch als Probe zu sehen und nur bei überzeugender Linderung weiterzumachen.
Was dagegen spricht
In 6 von 20 neueren Studien besserten sich die Beschwerden nicht. Viele Studien sind klein und kaum vergleichbar, und welcher Stamm bei wem hilft, ist nicht gesichert; die Leitlinie stuft die Empfehlung deshalb ab. Ob ein Präparat im Einzelfall wirkt, lässt sich nicht vorhersagen.
Quelle: Quelle 3
Scheidenpilz
- Erste Hinweise
Nur zusätzlich zu einem Antipilzmittel untersucht: In einem Cochrane-Review von zehn Studien mit 1.656 nicht schwangeren Frauen klangen die Beschwerden mit Probiotika kurzfristig etwas häufiger ab, und Rückfälle im ersten Monat waren seltener. Schwere Nebenwirkungen nahmen nicht zu.
Was dagegen spricht
Bei der Heilung, gemessen einen und drei Monate nach der Behandlung, zeigte sich kein gesicherter Vorteil. Die Belege sind von niedriger bis sehr niedriger Qualität, und Probiotika allein wurden nicht geprüft; sie ersetzen die Behandlung nicht.
Quelle: Quelle 10
Verstopfung
- Erste Hinweise
In einer Metaanalyse von 14 Studien mit 1.182 Erwachsenen mit Verstopfung verkürzten Probiotika die Darmpassage um gut zwölf Stunden und brachten gut einen Stuhlgang mehr pro Woche, am deutlichsten Bifidobacterium lactis. Die deutsche Leitlinie zur chronischen Verstopfung hält einen Versuch über vier bis sechs Wochen für möglich, mit offener Empfehlung.
Was dagegen spricht
Die Studien unterschieden sich stark und hatten ein hohes Verzerrungsrisiko; für Lactobacillus casei Shirota zeigte sich kein Effekt. Welche Stämme, Mengen und welche Dauer am besten sind, ist offen. Ohne Wirkung soll das Mittel nach der Leitlinie wieder abgesetzt werden.
Anwendung
Formen und Einnahme
- NahrungsergänzungsmittelDie meisten Präparate werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, oft mit zugesetzten Vitaminen und Mineralstoffen. Nach der Verbraucherzentrale enthielten in einer Untersuchung 27 von 100 Produkten nicht die angegebene Menge an Bakterien. Wer weitere Präparate mit Vitaminen nimmt, achtet auf die Gesamtmenge.
- ArzneimittelEinzelne Probiotika mit genau bestimmter Art werden nach der deutschen Leitlinie zu Magen-Darm-Infektionen auch als Arzneimittel angeboten. Für sie gelten die Anwendungsgebiete und Mengen der Packungsbeilage.
- Fermentierte LebensmittelJoghurt und andere fermentierte Lebensmittel enthalten lebende Kulturen. Ob die Stämme darin den Stämmen aus Studien entsprechen, ist meist offen. Zu den klassischen Joghurtkulturen gibt es eine eigene Seite.
Eine allgemeine Menge für Probiotika gibt es nicht, weil Wirkung und Menge vom Stamm abhängen; bei einem Präparat gilt seine Packung oder Packungsbeilage. Die deutsche Leitlinie zur chronischen Verstopfung rät, ein Probiotikum, das in Studien positive Effekte zeigte, vier bis sechs Wochen lang zu versuchen und es ohne Wirkung wieder abzusetzen. Die Reizdarm-Leitlinie sieht jeden Versuch ebenfalls als Probe, die nur bei überzeugender Linderung weiterläuft.
Probiotika sollen keinen Arztbesuch aufschieben. Hast du eine schwere Erkrankung, eine geschwächte Abwehr oder geht es um ein Kind, sprich vorher mit deiner Praxis.
Risiken
Nebenwirkungen
Bei Gesunden gelten Probiotika nach der US-Gesundheitsbehörde NCCIH als meist sicher, genau untersucht ist das aber selten. In Studien waren Nebenwirkungen meist leicht und betrafen den Magen-Darm-Trakt, etwa Blähungen, Durchfall, Erbrechen oder Bauchschmerzen; mit Scheinmitteln traten sie ähnlich oft auf. Als mögliche Risiken nennt die Behörde Infektionen durch die Keime selbst, schädliche Stoffwechselprodukte und die Weitergabe von Antibiotikaresistenzen an andere Darmbakterien. Manche Produkte enthielten andere Keime als auf dem Etikett.
Wer es nicht nehmen sollte
Bei geschwächter Abwehr, etwa nach einer Organ- oder Knochenmarktransplantation, rät die Verbraucherzentrale von Präparaten mit lebenden Mikroorganismen ab, weil Bakterien dort ins Blut gelangten. Die Hefe Saccharomyces boulardii ist bei geschwächter Abwehr und schwerer Krankheit nicht geeignet. Bei schwer kranken Menschen im Krankenhaus und bei Frühgeborenen muss nach dem NCCIH der Nutzen sorgfältig gegen das Risiko abgewogen werden: Bei Frühgeborenen wurden schwere und tödliche Infektionen berichtet. Kinder sollen solche Produkte nur nach kinderärztlicher Rücksprache bekommen. Bei einer akuten Magen-Darm-Grippe soll man sie nach der deutschen Leitlinie nicht einsetzen.
Häufige Fragen
Helfen Probiotika bei Durchfall durch Antibiotika?
- Teilweise belegt
Etwas, wenn sie während der Antibiotika-Behandlung genommen werden. In einem Cochrane-Review von 2025 mit 47 Studien hatten 23 von 100 Menschen mit Probiotika Durchfall durch Antibiotika und 27 von 100 ohne. Ein Durchfall durch den Keim Clostridioides difficile trat etwa halb so oft auf; auf 65 Behandelte kam ein verhinderter Fall. Die Vertrauenswürdigkeit ist meist niedrig, und viele Studien hatten Verbindungen zu Herstellern. Die deutsche Leitlinie gibt zur Vorbeugung gegen Clostridioides difficile keine Empfehlung, weil die Studien sehr uneinheitlich sind und offen ist, welches Probiotikum. Menschen mit geschwächter Abwehr wurden im Review nicht betrachtet.
Helfen Probiotika bei Reizdarm?
- Teilweise belegt
Bei manchen Menschen ja. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt ausgewählte Probiotika beim Reizdarm, wobei der Stamm nach den Beschwerden gewählt werden kann. Übersichten fanden bessere Gesamtbeschwerden und Lebensqualität, aber in 6 von 20 neueren Studien keine Besserung. Ob ein Präparat bei dir wirkt, lässt sich nach der Leitlinie nicht vorhersagen; sie rät, es auszuprobieren und nur bei überzeugender Linderung weiterzunehmen. Ein Reizdarm sollte ärztlich festgestellt sein.
Quelle: Quelle 3
Helfen Probiotika bei Magen-Darm-Grippe?
- Studien sprechen dagegen
Nach heutigem Wissen kaum. In den zwei verlässlichsten Studien eines Cochrane-Reviews, mit 1.770 Kindern, hatten mit Probiotika genauso viele 48 Stunden oder länger Durchfall wie ohne. Für Erwachsene gibt es kaum Studien. Die deutsche Leitlinie sagt deshalb klar, dass Probiotika bei akuter Magen-Darm-Infektion nicht eingesetzt werden sollen. Wichtiger ist, Flüssigkeit und Salze zu ersetzen.
Helfen Probiotika bei Verstopfung?
- Erste Hinweise
Vielleicht ein wenig. Eine Metaanalyse von 14 Studien mit 1.182 Erwachsenen fand mit Probiotika gut einen Stuhlgang mehr pro Woche und einen weicheren Stuhl, am deutlichsten für Bifidobacterium lactis. Die Studien waren aber sehr unterschiedlich und oft verzerrt. Die deutsche Leitlinie zur chronischen Verstopfung hält einen Versuch über vier bis sechs Wochen für möglich und rät, das Mittel ohne Wirkung wieder abzusetzen.
Für wen sind Probiotika nicht geeignet?
- Erste Hinweise
Vor allem für Menschen mit geschwächter Abwehr, etwa nach einer Organ- oder Knochenmarktransplantation: Bei Transplantierten gelangten Keime ins Blut, und die Verbraucherzentrale rät ab. Die Hefe Saccharomyces boulardii ist auch bei schwerer Krankheit nicht geeignet. Bei Frühgeborenen wurden schwere und tödliche Infektionen berichtet, die US-Behörde FDA hat davor gewarnt. Kinder sollen solche Präparate nur nach kinderärztlicher Rücksprache bekommen. Für gesunde Erwachsene gelten sie als meist sicher, genau untersucht ist das aber selten.
Nächster Schritt
Bevor du etwas einnimmst: Lass dich beraten, zum Beispiel in deiner Hausarztpraxis oder deiner Apotheke. Bring vorhandene Laborwerte mit, und sag, welche Medikamente du nimmst.
Mehr zu den Themen findest du oben unter Wofür und in der Themenübersicht.
Quellen
Alle 13 Quellen anzeigen
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- Moshiree B, Drossman D, Shaukat A. AGA Clinical Practice Update on Evaluation and Management of Belching, Abdominal Bloating, and Distention: Expert Review.. Gastroenterology, 2023LeitlinieDOI 10.1053/j.gastro.2023.04.039PubMed 37452811
- Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie (AWMF-Register 021-016). Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM), Zeitschrift für Gastroenterologie 2021; 59: 1323–1415, 2021LeitlinieZur Quelle
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- S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen (AWMF-Register 021-024), Version 2.1. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), 2023LeitlinieZur Quelle
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- Xie HY, Feng D, Wei DM, Mei L, Chen H, Wang X, et al.. Probiotics for vulvovaginal candidiasis in non-pregnant women.. The Cochrane database of systematic reviews, 2017Systematischer ReviewDOI 10.1002/14651858.cd010496.pub2PubMed 29168557
- Dimidi E, Christodoulides S, Fragkos KC, Scott SM, Whelan K. The effect of probiotics on functional constipation in adults: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.. The American journal of clinical nutrition, 2014MetaanalyseDOI 10.3945/ajcn.114.089151PubMed 25099542
- S2k-Leitlinie Chronische Obstipation (AWMF-Register 021-019), Aktualisierung 2022. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM), 2022LeitlinieZur Quelle
- Probiotics: Usefulness and Safety. National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH), National Institutes of Health, USA, 2019Behörde / amtliche StelleZur Quelle
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