Pflanze
Johanniskraut
Hypericum perforatum
Auch bekannt als: Echtes Johanniskraut, Tüpfel-Johanniskraut, Hypericum, Hyperici herba, Johanniskrautöl
Kurz erklärt
Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eine Staude aus der Familie der Johanniskrautgewächse. Arzneilich genutzt werden die getrockneten, blühenden Triebspitzen. Nach der europäischen Arzneimittelbehörde EMA ist es zumindest in den Alpenregionen Mitteleuropas die wichtigste Pflanze der Volksmedizin.
Das Kraut enthält Phloroglucin-Abkömmlinge, vor allem Hyperforin, dazu Hypericin und Pseudohypericin sowie Flavonoide. Im Labor hemmt Johanniskrautextrakt die Wiederaufnahme der Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Welche Stoffe beim Menschen wirken, ist nach der deutschen Versorgungsleitlinie zur Depression nicht abschließend geklärt.
Wichtig sind vor allem seine Wechselwirkungen: Hyperforin regt Leberenzyme an, die viele Arzneimittel abbauen, sodass diese schwächer wirken können. Wer Medikamente nimmt, fragt deshalb vorher in der Praxis oder Apotheke. Wofür die EU-Monographie Johanniskraut einordnet und wie gut das belegt ist, steht bei den Anwendungen.
Für Trockenextrakte gegen depressive Beschwerden beschreibt die EU-Monographie eine anerkannte medizinische Verwendung, für Tee, Öl und weitere Zubereitungen eine traditionelle; nur für solche registrierten oder zugelassenen Arzneimittel gelten die Mengen, Altersgrenzen und Hinweise dieser Seite. Daneben gibt es frei verkäufliche Johanniskraut-Produkte; nach der deutschen Versorgungsleitlinie zur Depression schwanken sie stark in Zusammensetzung und Wirkstoffgehalt, sodass Wirkstärke, Menge und Wechselwirkungen unsicher sind. Die Leitlinie empfiehlt deshalb nur als Arzneimittel zugelassene Präparate.
Wofür
Depression
- Teilweise belegt
Bestimmte Trockenextrakte aus Johanniskraut haben nach der EU-Monographie eine anerkannte medizinische Verwendung bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden. Ein Cochrane-Review von 29 Studien und ein späterer systematischer Review fanden sie wirksamer als Placebo und ähnlich wirksam wie Antidepressiva, mit weniger Nebenwirkungen. Die deutsche Versorgungsleitlinie wertet die Belege für die depressiven Beschwerden als moderat: Wenn bei einer leichten oder mittelschweren Episode ein Medikament erwogen wird, kann nach Aufklärung über Nebenwirkungen und Wechselwirkungen ein Versuch mit einem zugelassenen Präparat angeboten werden. Ein Versuch mit Johanniskraut gehört in ärztliche Begleitung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Betreuung; neben einem Antidepressivum nimmst du es nicht auf eigene Faust, und verschriebene Medikamente änderst du nur in Absprache mit der behandelnden Praxis.
Was dagegen spricht
Die Studien unterscheiden sich stark, und Studien aus deutschsprachigen Ländern fielen günstiger aus als andere. In der Auswertung, die die Leitlinie heranzieht, besserten sich zwar die depressiven Beschwerden, doch bei Ansprechen, vollständiger Besserung und Rückfällen fand sie keinen sicheren Unterschied zu Placebo. Die Studien dauerten meist vier bis zwölf Wochen; zur schweren Depression und bei Suizidgefahr fehlen Daten. Frei verkäufliche Produkte schwanken stark im Wirkstoffgehalt, deshalb empfiehlt die Leitlinie nur zugelassene Arzneimittel. Schwer wiegen die Wechselwirkungen mit vielen Medikamenten, etwa nach Transplantationen, bei HIV, Krebs und mit der Pille.
Quellen: Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6
Einschlafprobleme
- Traditionell genutzt
Die EU-Monographie führt Johanniskrauttee als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur unterstützenden Behandlung nervöser Unruhe mit Einschlafproblemen, zweimal täglich für Erwachsene und für höchstens zwei Wochen. Gestützt ist das auf lange Anwendung. Halten die Schlafprobleme länger an, gehören sie ärztlich abgeklärt.
Was dagegen spricht
Einen Wirksamkeitsnachweis für Schlafprobleme gibt es nicht; der Bewertungsbericht der EMA nennt dazu keine kontrollierten Studien. Die Einstufung gilt nur für den Tee und nur bei Unruhe als Ursache.
Innere Unruhe
- Traditionell genutzt
Als Tee führt die EU-Monographie Johanniskraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur unterstützenden Behandlung nervöser Unruhe, die mit Einschlafproblemen einhergeht, zweimal täglich für Erwachsene. Nach dem Bewertungsbericht der EMA ist diese Anwendung durch die Literatur ausreichend belegt, als lange Tradition, nicht als Wirksamkeitsnachweis. Hält die Unruhe länger als zwei Wochen an, soll man ärztlichen Rat suchen.
Was dagegen spricht
Kontrollierte Studien zu Johanniskraut bei nervöser Unruhe nennt der Bewertungsbericht nicht; für alle Zubereitungen außer den Trockenextrakten gegen Depression hält die EMA die Studienlage für unzureichend. Wer Medikamente nimmt, fragt auch vor einem Tee in der Apotheke.
Magenschmerzen
- Traditionell genutzt
Bei leichten Magen-Darm-Beschwerden führt die EU-Monographie Johanniskraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel, als Tee zweimal täglich oder als stabilisierter Presssaft, für Erwachsene. Halten die Beschwerden länger als eine Woche an, soll man ärztlichen Rat suchen; starke oder immer wiederkehrende Magenschmerzen gehören ärztlich abgeklärt.
Was dagegen spricht
Die Einstufung beruht allein auf langer Anwendung; Studien zu Magenbeschwerden nennt der Bewertungsbericht der EMA nicht. Zu den möglichen Nebenwirkungen von Johanniskraut gehören selbst Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall.
Müdigkeit und Erschöpfung
- Traditionell genutzt
Die EU-Monographie führt Johanniskraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung vorübergehender geistiger Erschöpfung, als Tee, Trockenextrakt, Tinktur, Presssaft oder Pulver, für Erwachsene und für höchstens zwei Wochen. In der Volksmedizin galt es nach dem Bewertungsbericht der EMA als Mittel, die Nerven zu stärken. Halten Müdigkeit und Erschöpfung länger an, gehören sie ärztlich abgeklärt.
Was dagegen spricht
Die Einstufung beruht allein auf langer Anwendung. Für alle Zubereitungen außer den Trockenextrakten gegen Depression hält die EMA die Studienlage für unzureichend. Auch traditionelle Präparate können Wechselwirkungen mit Medikamenten haben, wenn sie mehr als 1 mg Hyperforin am Tag enthalten.
Anwendung
Formen und Einnahme
- Trockenextrakt in Tabletten oder KapselnAuszug mit 80 Prozent Methanol oder Ethanol oder mit 50 bis 68 Prozent Ethanol. Nur solche Extrakte haben nach der EU-Monographie eine anerkannte medizinische Verwendung bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden. Die deutsche Leitlinie empfiehlt dafür nur als Arzneimittel zugelassene Präparate, weil frei verkäufliche Produkte in Zusammensetzung und Stärke stark schwanken.
- Tee aus geschnittenem KrautMit kochendem Wasser aufgegossen; traditionelles Arzneimittel nach der EU-Monographie bei vorübergehender geistiger Erschöpfung, nervöser Unruhe mit Einschlafproblemen und leichten Magen-Darm-Beschwerden. Nach dem Bewertungsbericht der EMA geht nur etwa ein Prozent des Hyperforins in den Tee über.
- JohanniskrautölAuszug der Blüten oder des Krauts in Pflanzenöl, durch die Abbauprodukte des Hypericins rot gefärbt. Unverdünnt auf die Haut aufgetragen ist es nach der EU-Monographie ein traditionelles Arzneimittel bei leichten Hautentzündungen wie Sonnenbrand und zur Unterstützung der Heilung kleiner Wunden. Die behandelte Haut soll keiner starken Sonne ausgesetzt werden.
- Tinkturen, Presssaft und flüssige AuszügeWeitere traditionelle Zubereitungen der EU-Monographie zum Einnehmen, teils auch für die Haut. Sie sind unterschiedlich stark, ihre Mengen lassen sich nicht gegeneinander austauschen; maßgeblich ist die Packungsbeilage. Tinkturen enthalten Alkohol.
Bei den Trockenextrakten gegen depressive Beschwerden ist eine Wirkung nach der EU-Monographie innerhalb von vier Wochen zu erwarten. Bleiben die Beschwerden während der Einnahme bestehen, gehört das ärztlich besprochen. Bei den traditionellen Zubereitungen gilt: Halten Erschöpfung oder Unruhe länger als zwei Wochen an, Magen-Darm- oder Hautbeschwerden länger als eine Woche, lass sie ärztlich abklären.
Wie viel eine Gabe ist, hängt stark von der Zubereitung ab; die Mengen der Monographie stehen in der Dosis-Übersicht, bei Fertigarzneimitteln gilt die Packungsbeilage. Zum Einnehmen ist Johanniskraut nur für Erwachsene vorgesehen. Während der Einnahme meidest du starke Sonne und Solarien.
Dosis-Übersicht
| Grundlage | Menge | Einordnung |
|---|---|---|
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 600–1.800 mg pro Tag | Erwachsene und Ältere · Trockenextrakt mit 80 Prozent Methanol (Droge-Extrakt-Verhältnis 3 bis 7 zu 1), anerkannte medizinische Verwendung nach der EU-Monographie bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden: 300 bis 600 mg ein- bis dreimal täglich. Eine Wirkung ist innerhalb von vier Wochen zu erwarten. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit; Wechselwirkungen und Gegenanzeigen beachten. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 900 mg pro Tag | Erwachsene und Ältere · Trockenextrakt mit 80 Prozent Ethanol (Droge-Extrakt-Verhältnis 3 bis 6 zu 1), anerkannte medizinische Verwendung nach der EU-Monographie bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden, einmal täglich. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit; Wechselwirkungen und Gegenanzeigen beachten. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 500–1.200 mg pro Tag | Erwachsene und Ältere · Trockenextrakt mit 50 bis 68 Prozent Ethanol (Droge-Extrakt-Verhältnis 2,5 bis 8 zu 1), anerkannte medizinische Verwendung nach der EU-Monographie zur kurzzeitigen Behandlung von Beschwerden bei leichten depressiven Störungen, für sechs Wochen: 250 bis 600 mg zwei- bis dreimal täglich oder 600 bis 612 mg einmal täglich. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 1,5–2 g Einzeldosis | Erwachsene und Ältere · Geschnittenes Kraut als Tee, mit 150 ml kochendem Wasser aufgegossen, zwei- bis dreimal täglich; traditionelle Anwendung nach der EU-Monographie bei vorübergehender geistiger Erschöpfung. Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, ärztlichen Rat suchen. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 2–3 g Einzeldosis | Erwachsene und Ältere · Geschnittenes Kraut als Tee, mit 150 ml kochendem Wasser aufgegossen, zweimal täglich; traditionelle Anwendung nach der EU-Monographie zur unterstützenden Behandlung nervöser Unruhe mit Einschlafproblemen. Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, ärztlichen Rat suchen. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 2 g Einzeldosis | Erwachsene und Ältere · Geschnittenes Kraut als Tee, mit 150 ml kochendem Wasser aufgegossen, zweimal täglich; traditionelle Anwendung nach der EU-Monographie bei leichten Magen-Darm-Beschwerden. Halten die Beschwerden länger als eine Woche an, ärztlichen Rat suchen. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 60–180 mg Einzeldosis | Erwachsene und Ältere · Trockenextrakt mit 38 Prozent Ethanol (Massenprozent), zwei- bis dreimal täglich, höchstens 360 mg am Tag; traditionelle Anwendung nach der EU-Monographie bei vorübergehender geistiger Erschöpfung. Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, ärztlichen Rat suchen. Nicht unter 18 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
Keine persönliche Dosisempfehlung. Sprich vorher mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Apotheke, besonders wenn du Medikamente nimmst.
Risiken
Nebenwirkungen
Nach der EU-Monographie können Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall, allergische Hautreaktionen, Müdigkeit und Unruhe auftreten; wie häufig, ist nicht bekannt. Menschen mit heller Haut können bei starker Sonne mit Kribbeln, Kälte- oder Schmerzempfindlichkeit, Brennen und verstärkten sonnenbrandähnlichen Beschwerden reagieren. Nach 15 Tagen mit 1800 mg Extrakt am Tag war die Haut empfindlicher für UVA-Licht; in den üblichen Mengen sind keine solchen Reaktionen berichtet.
In den Studien waren die Nebenwirkungen meist leicht und nach der EMA deutlich seltener als unter synthetischen Antidepressiva. Im Cochrane-Review brachen unter Johanniskraut weniger Menschen eine Behandlung wegen Nebenwirkungen ab als unter älteren Antidepressiva oder SSRI. Treten Beschwerden auf, die hier nicht genannt sind, frag ärztlich oder in der Apotheke nach.
Wechselwirkungen
- Immunsuppressiva nach einer Transplantation: Ciclosporin, Tacrolimus (innerlich angewendet), Sirolimus und EverolimusSchwer
Nach der EU-Monographie regt Johanniskraut die Leberenzyme CYP3A4, CYP2B6, CYP2C9 und CYP2C19 sowie den Transporter P-Glykoprotein an, verantwortlich ist vor allem Hyperforin. Die gleichzeitige Einnahme ist ausgeschlossen. Der Bewertungsbericht der EMA beschreibt Fallberichte, in denen der Ciclosporin-Spiegel sank und transplantierte Herzen oder Lebern abgestoßen wurden; nach dem Absetzen von Johanniskraut stiegen die Spiegel innerhalb weniger Tage wieder deutlich an. Wer nach einer Transplantation Johanniskraut in irgendeiner Form nimmt oder nehmen möchte, spricht sofort mit dem behandelnden Zentrum.
- Gerinnungshemmer vom Cumarin-Typ wie Phenprocoumon oder WarfarinSchwer
Johanniskraut beschleunigt nach der EU-Monographie den Abbau dieser Mittel, ihre Spiegel können sinken; die gleichzeitige Einnahme ist ausgeschlossen. Der Bewertungsbericht der EMA stuft die Wechselwirkung mit Warfarin anhand klinischer Studien als bedeutsam ein. Wer Gerinnungshemmer nimmt, spricht vor jeder Einnahme von Johanniskraut mit der behandelnden Praxis.
- Mittel gegen HIV: Proteasehemmer wie Indinavir oder Fosamprenavir und Reverse-Transkriptase-Hemmer wie Nevirapin, Efavirenz oder EtravirinSchwer
Die EU-Monographie schließt die gleichzeitige Einnahme mit Proteasehemmern und nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern aus, weil ihre Spiegel sinken können; der Bewertungsbericht der EMA zählt auch Nevirapin, Efavirenz und Etravirin dazu. Im Bewertungsbericht der EMA wurde Nevirapin bei fünf Menschen mit HIV unter Johanniskraut um 35 Prozent schneller aus dem Körper entfernt. Die deutsche Versorgungsleitlinie zur Depression nennt HIV-Mittel ausdrücklich unter den schwerwiegenden Wechselwirkungen.
- Krebsmedikamente wie Irinotecan, Imatinib, Docetaxel oder PaclitaxelSchwer
Die EU-Monographie schließt Irinotecan, Imatinib und andere Krebsmedikamente aus, die über CYP3A4, CYP2B6, CYP2C9 oder CYP2C19 abgebaut oder von P-Glykoprotein transportiert werden; ihre Wirkung kann nachlassen. Der Bewertungsbericht nennt dazu auch Docetaxel und Paclitaxel. Wer eine Krebsbehandlung bekommt, nimmt Johanniskraut nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Team.
- Hormonelle Verhütungsmittel wie die PilleMittel
Nach der EU-Monographie können die Hormonspiegel sinken; dann kommt es häufiger zu Zwischenblutungen, und die Verhütung wird unsicherer. Die Monographie rät Frauen, die hormonell verhüten, zusätzlich zu verhüten. Ein systematischer Review fand in drei von vier Studien mehr Zwischenblutungen und in einer Hinweise auf einen Eisprung trotz Pille. Auch die deutsche Versorgungsleitlinie zur Depression nennt die Pille unter den zu beachtenden Wechselwirkungen.
- Antidepressiva wie Sertralin, Paroxetin oder andere SSRI, Buspiron und weitere Mittel, die auf Serotonin wirkenMittel
Johanniskraut kann nach der EU-Monographie die Wirkung auf Serotonin verstärken. Sehr selten kommt es zu einem Serotonin-Syndrom mit Schwitzen, Herzrasen, Durchfall und Fieber, Unruhe und Verwirrtheit sowie Zittern oder Muskelzuckungen. Der Bewertungsbericht der EMA nennt dazu auch Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Venlafaxin, Duloxetin, Mirtazapin, Trazodon und Tramadol. Ein Antidepressivum und Johanniskraut kombinierst du nicht auf eigene Faust.
- Weitere Arzneimittel, die über dieselben Enzyme abgebaut werden, etwa Amitriptylin, Alprazolam, Diazepam, Midazolam, Methadon, Simvastatin, Digoxin, Fexofenadin oder FinasteridMittel
Bei allen Mitteln, die über CYP3A4, CYP2B6, CYP2C9, CYP2C19 oder P-Glykoprotein verarbeitet werden, mahnt die EU-Monographie zu besonderer Vorsicht, weil ihre Spiegel sinken können. Die Liste im Bewertungsbericht der EMA ist lang und reicht von Mitteln gegen Bluthochdruck über Schlafmittel und Schmerzmittel bis zu Magensäureblockern. Die angeregten Enzyme brauchen nach dem Absetzen etwa eine Woche, bis sie wieder normal arbeiten. Präparate mit wenig Hyperforin regten die Enzyme in einer Studie nicht an; nach der EMA ist das je Präparat zu prüfen.
- Narkose bei einer geplanten OperationMittel
Vor einer geplanten Operation sollen nach der EU-Monographie mögliche Wechselwirkungen mit Mitteln der Voll- oder Teilnarkose geklärt und Johanniskraut wenn nötig abgesetzt werden. Sag deshalb beim Vorgespräch, dass du Johanniskraut nimmst.
Quelle: Quelle 1
Wer es nicht nehmen sollte
Nicht bei Überempfindlichkeit gegen Johanniskraut. Nicht zusammen mit den Arzneimitteln, die die EU-Monographie ausschließt: Gerinnungshemmer vom Cumarin-Typ, die Immunsuppressiva Ciclosporin, Tacrolimus (innerlich angewendet), Sirolimus und Everolimus, bestimmte HIV-Mittel sowie Irinotecan, Imatinib und andere Krebsmedikamente, die über dieselben Enzyme abgebaut werden. Für traditionelle Präparate mit höchstens 1 mg Hyperforin am Tag gilt dieser Ausschluss nach der Monographie nicht; welches Präparat wie viel enthält, weiß die Apotheke.
Zum Einnehmen wird Johanniskraut unter 18 Jahren nicht empfohlen, das Öl auf der Haut nicht unter 12 Jahren, weil Daten fehlen. In Schwangerschaft und Stillzeit wird es nicht empfohlen: Die Sicherheit ist nicht belegt, und Tierversuche zeigten Hinweise auf eine Schädigung der Fortpflanzung. Während der Anwendung starke Sonne und UV-Licht meiden; zeigen sich auf behandelter Haut Zeichen einer Infektion, ärztlich ansehen lassen.
Überdosierung
Nach der EU-Monographie traten nach bis zu 4,5 g Trockenextrakt am Tag über zwei Wochen und zusätzlich 15 g kurz vor der Klinikaufnahme Krampfanfälle und Verwirrtheit auf; das ist nach dem Bewertungsbericht etwa die fünffache Tagesmenge und zuletzt die 17-fache. Nach einer massiven Überdosis soll die Person ein bis zwei Wochen vor Sonne und anderem UV-Licht geschützt werden. Bei einer Überdosis wählst du 112.
Häufige Fragen
Hilft Johanniskraut wirklich bei Depressionen?
- Teilweise belegt
Bei leichter bis mittelschwerer Depression ja, das ist durch Studien teilweise belegt. Ein Cochrane-Review und ein späterer systematischer Review fanden standardisierte Extrakte wirksamer als Placebo und ähnlich wirksam wie Antidepressiva, bei weniger Nebenwirkungen. Die deutsche Versorgungsleitlinie wertet die Belege als moderat und hält einen Versuch mit einem zugelassenen Präparat nach Aufklärung über Wechselwirkungen für möglich. Bei schwerer Depression ist der Nutzen nicht belegt. Eine Depression gehört ärztlich oder psychotherapeutisch begleitet; bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, im Notfall die 112.
Wie lange dauert es, bis Johanniskraut wirkt?
- Teilweise belegt
Nach der EU-Monographie ist eine Wirkung der Trockenextrakte bei depressiven Beschwerden innerhalb von vier Wochen zu erwarten. Bleiben die Beschwerden in dieser Zeit bestehen, gehört das ärztlich besprochen. Die meisten Studien liefen vier bis zwölf Wochen; wie gut Johanniskraut über längere Zeit wirkt und verträglich ist, ist nach einer Metaanalyse noch wenig untersucht. Traditionelle Zubereitungen wie Tee sind nach dem Bewertungsbericht der EMA zum Einnehmen auf zwei Wochen begrenzt.
Kann ich Johanniskraut zusammen mit der Pille nehmen?
- Teilweise belegt
Nur mit zusätzlicher Verhütung. Johanniskraut kann nach der EU-Monographie die Hormonspiegel der Pille senken; dann treten häufiger Zwischenblutungen auf, und die Verhütung wird unsicherer. Die Monographie rät deshalb zu einer zusätzlichen Verhütung, etwa mit Kondom. Ein systematischer Review fand in drei von vier Studien mehr Zwischenblutungen und in einer Hinweise auf einen Eisprung trotz Pille. Frag in der Praxis oder Apotheke, welche Methode für dich passt.
Darf ich Johanniskraut mit anderen Medikamenten oder Antidepressiva nehmen?
- Teilweise belegt
Nur nach Rücksprache in der Praxis oder Apotheke; das rät die EU-Monographie allen, die verschriebene Medikamente nehmen. Johanniskraut beschleunigt den Abbau vieler Arzneimittel, die dann schwächer wirken können. Mit Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ, Mitteln nach einer Transplantation, bestimmten HIV-Mitteln und Krebsmedikamenten ist es ausgeschlossen. Zusammen mit Antidepressiva wie SSRI kann sehr selten ein Serotonin-Syndrom entstehen. Ein verschriebenes Antidepressivum ergänzt du deshalb nicht selbst mit Johanniskraut, und du tauschst es auch nicht eigenmächtig dagegen aus: Beides nur in Absprache mit der behandelnden Praxis.
Macht Johanniskraut lichtempfindlich?
- Teilweise belegt
In hohen Mengen ja, in den üblichen kaum. Nach 15 Tagen mit 1800 mg Extrakt am Tag war die Haut empfindlicher für UVA-Licht; in den empfohlenen Mengen sind nach der EU-Monographie keine solchen Reaktionen berichtet. Menschen mit heller Haut können bei starker Sonne aber mit Brennen, Kribbeln und verstärktem Sonnenbrand reagieren. Die Monographie rät deshalb, während der Einnahme starke Sonne und Solarien zu meiden, beim Öl die behandelten Hautstellen.
Nächster Schritt
Bevor du etwas einnimmst: Lass dich beraten, zum Beispiel in deiner Hausarztpraxis oder deiner Apotheke. Bring vorhandene Laborwerte mit, und sag, welche Medikamente du nimmst.
Mehr zu den Themen findest du oben unter Wofür und in der Themenübersicht.
Quellen
Alle 7 Quellen anzeigen
- European Union herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba (EMA/HMPC/7695/2021, Revision 1). Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC), 2022MonographieZur Quelle
- Assessment report on Hypericum perforatum L., herba (EMA/HMPC/244315/2016, Revision 1). Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC), 2022Behörde / amtliche StelleZur Quelle
- Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (AWMF-Register nvl-005). Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm), 2022LeitlinieZur Quelle
- Linde K, Berner MM, Kriston L. St John's wort for major depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2008Systematischer ReviewDOI 10.1002/14651858.cd000448.pub3PubMed 18843608
- Apaydin EA, Maher AR, Shanman R, et al.. A systematic review of St. John's wort for major depressive disorder. Systematic Reviews, 2016Systematischer ReviewDOI 10.1186/s13643-016-0325-2PubMed 27589952
- Ng QX, Venkatanarayanan N, Ho CY. Clinical use of Hypericum perforatum (St John's wort) in depression: A meta-analysis. Journal of Affective Disorders, 2017MetaanalyseDOI 10.1016/j.jad.2016.12.048PubMed 28064110
- Berry-Bibee EN, Kim MJ, Tepper NK, et al.. Co-administration of St. John's wort and hormonal contraceptives: a systematic review. Contraception, 2016Systematischer ReviewDOI 10.1016/j.contraception.2016.07.010PubMed 27444983
Mit anderen darüber reden: jeden Mittwoch um 19:30 beim Mittwochabend in der Principium-App, online und kostenlos.