Naturheilkunde
Temperamentenlehre (vier Temperamente)
Kurz erklärt
Die Temperamentenlehre unterscheidet vier Grundarten, wie Menschen fühlen und reagieren: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Sie wurzelt in der Vier-Säfte-Lehre der antiken Medizin, nach der Gesundheit auf dem Gleichgewicht von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim beruht. Die Säftelehre wird Hippokrates zugeschrieben; der Arzt Galen verband im 2. Jahrhundert jeden Saft mit einem Temperament.
Bis ins 19. Jahrhundert prägte diese Säftelehre die Medizin Europas und der arabischen Welt. Danach löste Rudolf Virchows Zellularpathologie sie ab. Ihre Begriffe leben weiter: in der Naturheilkunde, die sich mit dem Gedanken des Ausleitens auf sie bezieht, in der Astrologie, in Rudolf Steiners Waldorfpädagogik und in der Alltagssprache. Hier wird sie als Tradition beschrieben. Die heutige Persönlichkeitsforschung beschreibt Menschen nicht mit vier festen Typen, sondern mit fließenden Merkmalen. Die Lehre ist kein Test und keine Diagnose.
Wie es wirken soll
- Traditionell genutzt
- Studien sprechen dagegen
Nach der Vier-Säfte-Lehre besteht der Körper aus vier Säften, und jeder trägt zwei der vier Grundqualitäten warm, kalt, feucht und trocken. Blut gilt in der Lehre als warm und feucht, gelbe Galle als warm und trocken, schwarze Galle als kalt und trocken, Schleim als kalt und feucht. Stimmt die Mischung, ist der Mensch nach dieser Überlieferung gesund (Eukrasie), eine Störung der Mischung (Dyskrasie) gilt als Ursache von Krankheit. Galen ordnete jedem Saft ein Temperament zu: Überwiegt das Blut, zeigt sich der heitere, aktive Sanguiniker, bei der gelben Galle der reizbare Choleriker, bei der schwarzen Galle der nachdenkliche, schwermütige Melancholiker, beim Schleim der ruhige, schwerfällige Phlegmatiker. Zu jedem Temperament gehörte in der Lehre eine eigene Neigung zu Krankheiten. Die Behandlung sollte das Gleichgewicht wiederherstellen, mit Lebensweise und Ernährung, Arzneien und dem Ausleiten schädlicher Säfte. Im Mittelalter kamen Jahreszeiten, Planeten und Tierkreiszeichen dazu, im 18. Jahrhundert Mischtemperamente. Auch Sebastian Kneipp bezog sich bei seiner Wasserkur auf Galen.
In der astrologischen Tradition hängen die Temperamente an den vier Elementen und damit an den Tierkreiszeichen: Der Choleriker gehört zum Feuer mit Widder, Löwe und Schütze, der Melancholiker zur Erde mit Stier, Jungfrau und Steinbock, der Sanguiniker zur Luft mit Zwillingen, Waage und Wassermann, der Phlegmatiker zum Wasser mit Krebs, Skorpion und Fischen. Das ist eine Zuordnung der Lehre, keine Aussage darüber, wie ein Mensch ist.
Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, gab der Lehre eine eigene Fassung. Nach seiner Lehre herrscht in jedem Temperament eines der vier Wesensglieder vor, die er im Menschen unterscheidet: beim Choleriker das Ich, beim Sanguiniker der Astralleib, beim Phlegmatiker der Ätherleib, beim Melancholiker der physische Leib. Er gab Erziehenden Ratschläge für Kinder jedes Temperaments, und die Waldorfpädagogik nutzt die Temperamentenlehre bis heute als eine ihrer Grundlagen. Kritikerinnen wie die frühere Lehrerin Irene Wagner werfen ihr vor, Kindern Temperamente zuzuschreiben.
Die Psychologie hat die Lehre umgedeutet: Wilhelm Wundt beschrieb Gefühle nach Geschwindigkeit und Stärke, später suchten Pawlow und Eysenck die Grundlagen im Nervensystem. Eysenck ordnete die vier Temperamente in einem Kreis zwischen stabil und instabil, introvertiert und extravertiert an. Heute beschreibt die Forschung Persönlichkeit mit etwa fünf großen Bereichen. Eine Metaanalyse von 317 Befunden fand, dass die allermeisten psychologischen Unterschiede zwischen Menschen fließend sind und nicht in getrennte Typen fallen. Eine große Datenanalyse fand zwar vier wiederkehrende Persönlichkeitstypen, doch sie sind aus den heutigen fünf Bereichen gewonnen, nicht aus der Säftelehre, und in der Fachwelt umstritten.
„Traditionell genutzt“ gilt für die Lehre selbst, ihre Zuordnungen und ihre Geschichte. „Studien sprechen dagegen“ gilt für die Annahme, Menschen ließen sich in vier getrennte Typen einteilen.
Quellen: Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8, Quelle 9, Quelle 10
Wofür
Noch keine geprüften Anwendungen.
Wer das anbietet
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Risiken
Die Temperamentenlehre ist eine Denkweise, keine Behandlung. Heikel wird sie, wenn sie über Menschen urteilt. Ein Etikett wie „Melancholiker“ oder „Choleriker“ beschreibt niemanden ganz, und die Forschung findet keine festen Typen, in die Menschen fallen. Das gilt besonders für Kinder: Ein zugeschriebenes Temperament kann den Blick auf ein Kind verengen, und genau das kritisieren manche an der Waldorfpädagogik.
Die Säftelehre, aus der sie kommt, gilt in der Medizin seit dem 19. Jahrhundert als überholt. Sie erklärt Beschwerden nicht und ersetzt keine Untersuchung. Wer sich lange niedergeschlagen, erschöpft oder dauerhaft gereizt fühlt, sollte das nicht als Temperament hinnehmen, sondern ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen. In einer seelischen Krise erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.
Häufige Fragen
Welche vier Temperamente gibt es?
- Traditionell genutzt
- Studien sprechen dagegen
Die Lehre kennt den Sanguiniker, den Choleriker, den Melancholiker und den Phlegmatiker. Nach ihrer Überlieferung gilt der Sanguiniker als heiter und aktiv, der Choleriker als reizbar und leicht erregbar, der Melancholiker als nachdenklich und schwermütig, der Phlegmatiker als ruhig und eher schwerfällig. Jedes Temperament geht in der Lehre auf einen Körpersaft zurück, der überwiegt: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle oder Schleim. Das ist eine historische Lehre, kein geprüftes Modell; die Persönlichkeitsforschung beschreibt Menschen heute mit fließenden Merkmalen statt mit vier Typen.
Was ist die Vier-Säfte-Lehre?
- Traditionell genutzt
Die Vier-Säfte-Lehre, auch Humoralpathologie, ist die Krankheitslehre der antiken Medizin. Nach ihr beruht Gesundheit auf der richtigen Mischung von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim, und Krankheit entsteht, wenn die Mischung gestört ist. Ausgearbeitet hat sie vor allem Galen; sie galt bis ins 19. Jahrhundert und wurde dann von Virchows Zellularpathologie abgelöst. In der Naturheilkunde lebt ihr Gedanke weiter, schädliche Stoffe auszuleiten. Sie ist eine Tradition, die heutige Medizin erklärt Krankheiten nicht mehr über Säfte.
Quelle: Quelle 2
Welches Temperament passt zu welchem Sternzeichen?
- Traditionell genutzt
In der astrologischen Tradition laufen Temperament und Sternzeichen über die vier Elemente: Feuer gehört zum Choleriker und zu Widder, Löwe und Schütze, Erde zum Melancholiker und zu Stier, Jungfrau und Steinbock, Luft zum Sanguiniker und zu Zwillingen, Waage und Wassermann, Wasser zum Phlegmatiker und zu Krebs, Skorpion und Fischen. Das ist eine überlieferte Entsprechung, keine Aussage über einen Menschen. Dass das Sternzeichen Charakter oder Gesundheit bestimmt, hat keine Studie gezeigt.
Ist die Temperamentenlehre wissenschaftlich belegt?
- Studien sprechen dagegen
Nein, als Einteilung in vier Typen nicht. Die heutige Persönlichkeitsforschung beschreibt Menschen mit etwa fünf großen Bereichen, auf denen jeder irgendwo dazwischen liegt. Eine Metaanalyse von 317 Befunden fand, dass die allermeisten psychologischen Unterschiede fließend sind und nicht in getrennte Gruppen fallen. Eine große Datenanalyse mit über 1,5 Millionen Menschen fand vier wiederkehrende Typen, die aber aus den heutigen Merkmalen gewonnen sind, nicht aus der Säftelehre, und umstritten bleiben. Die Säftelehre dahinter gilt als überholt. Die Temperamente haben aber Forscher wie Wundt und Eysenck angeregt.
Was haben die Temperamente mit der Waldorfschule zu tun?
- Traditionell genutzt
Rudolf Steiner, auf den die Waldorfschulen zurückgehen, hat die Temperamentenlehre in seine Anthroposophie übernommen. Nach seiner Lehre braucht jedes Temperament eine eigene Erziehung: das sanguinische Kind etwa einen Menschen, den es lieben kann, das cholerische Achtung vor dem Können der Erziehenden und Widerstände, das melancholische Erziehende, die selbst Schmerz erfahren haben, das phlegmatische Spielgefährten mit vielen Interessen. Die Waldorfpädagogik nutzt die Lehre bis heute. Kritikerinnen bemängeln, dass Kindern so Temperamente zugeschrieben werden; geprüft hat diese Erziehungsregeln keine Studie.
Quellen
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- Temperamentenlehre. Wikipedia, die freie Enzyklopädie (CC BY-SA 4.0), 2026WebsiteZur Quelle
- Humoralpathologie. Wikipedia, die freie Enzyklopädie (CC BY-SA 4.0), 2026WebsiteZur Quelle
- Four temperaments. Wikipedia, the free encyclopedia (CC BY-SA 4.0), 2026WebsiteZur Quelle
- Tierkreiszeichen. Wikipedia, die freie Enzyklopädie (CC BY-SA 4.0), 2026WebsiteZur Quelle
- Rudolf Steiner. Das Geheimnis der menschlichen Temperamente (Vortrag, Berlin, 4. März 1909; in GA 57 „Wo und wie findet man den Geist?“). Text beim Rudolf Steiner Archive, 1909BuchZur Quelle
- Waldorfpädagogik. Wikipedia, die freie Enzyklopädie (CC BY-SA 4.0), 2026WebsiteZur Quelle
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- Haslam N, McGrath MJ, Viechtbauer W, Kuppens P. Dimensions over categories: a meta-analysis of taxometric research.. Psychological medicine, 2020MetaanalyseDOI 10.1017/s003329172000183xPubMed 32493520
- Gerlach M, Farb B, Revelle W, Nunes Amaral LA. A robust data-driven approach identifies four personality types across four large data sets.. Nature human behaviour, 2018SonstigesDOI 10.1038/s41562-018-0419-zPubMed 31406291
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