Körperarbeit
Atemübungen
Kurz erklärt
Atemübungen lenken den Atem bewusst: langsamer, tiefer in den Bauch, mit längerem Ausatmen oder in einem festen Rhythmus. Verbreitet sind das langsame Atmen mit etwa sechs Atemzügen pro Minute, die Box-Atmung mit gleich langem Einatmen, Anhalten, Ausatmen und Anhalten, und das zyklische Seufzen: zweimal durch die Nase einatmen, dann lange durch den Mund aus. Viele Übungen dauern nur wenige Minuten und gehen überall, ohne dass es jemand merkt.
Atemübungen sind Teil vieler Verfahren, des Yoga, der Achtsamkeitskurse, der Entspannungsverfahren und der Verhaltenstherapie bei Angst. Angeleitet werden sie in der Physiotherapie und Atemtherapie, in der Psychotherapie und von Coaches. Davon zu unterscheiden ist das sogenannte Breathwork mit schnellem, tiefem Atmen über längere Zeit, das starke Körpergefühle auslösen soll; es hat eigene Risiken.
Wie es wirken soll
- Teilweise belegt
- Erste Hinweise
Die Atmung ist eine der wenigen Funktionen des unbewussten Nervensystems, die du willentlich steuern kannst. Langsames Atmen mit langem Ausatmen soll den beruhigenden Teil dieses Nervensystems stärken. Messbar ist das an der Herzfrequenzvariabilität: In einer Metaanalyse von 223 Studien stieg der Anteil, der diesen beruhigenden Einfluss auf das Herz anzeigt, während des langsamen Atmens, direkt nach einer Übung und nach Programmen über mehrere Wochen.
Ob sich das auch im Befinden zeigt, ist weniger sicher. Eine Metaanalyse von zwölf randomisierten Studien mit 785 Erwachsenen fand weniger Stresserleben als ohne Atemübungen, mit kleinem bis mittlerem Effekt, und ähnlich große Effekte bei Angst und gedrückter Stimmung.
„Teilweise belegt“ gilt für die messbare Beruhigung im Körper, „Erste Hinweise“ dafür, dass Atemübungen Stress und Angst im Alltag spürbar verringern.
Wofür
Blähungen
- Erste Hinweise
Bei manchen Menschen wölbt sich der Bauch nach dem Essen, weil sich das Zwerchfell senkt und die Bauchwand erschlafft. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 42 Betroffenen lernten die Teilnehmenden in drei Biofeedback-Sitzungen, das Zwerchfell gezielt zu bewegen, und übten dreimal täglich zu Hause; ihre Beschwerden durch den Blähbauch sanken um rund zwei Drittel, in der Placebogruppe nicht. Die amerikanische Fachgesellschaft nennt Zwerchfellatmung als Behandlung dieser Fehlsteuerung.
Was dagegen spricht
Die Studie war klein und stammt aus einer einzigen Forschungsgruppe in Barcelona. Geübt wurde mit Messgurten und Anleitung, nicht mit allgemeinen Atemübungen; ob Atemübungen ohne Biofeedback ebenso wirken, ist offen. Der europäische Konsens stuft die Belege als sehr schwach ein; eine einfachere Variante ohne Messgeräte wird nach seinen Angaben erst noch erprobt.
Innere Unruhe
- Erste Hinweise
Bei innerer Unruhe sind Atemübungen ein naheliegender erster Griff, weil sie sofort und überall gehen. In einer Metaanalyse randomisierter Studien verringerten Atemübungen die Angst in 20 Studien in kleinem bis mittlerem Ausmaß, ähnlich wie das Stresserleben. Langsames Atmen mit langem Ausatmen verschiebt messbar die Herzfrequenzvariabilität in Richtung Ruhe.
Hält die Unruhe über Wochen an oder kommt sie in Anfällen, lass das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären. Bei Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust oder plötzlicher Atemnot gilt immer der Notruf 112, auch wenn es sich wie Panik anfühlt.
Was dagegen spricht
Gemessen wurde die Angst mit Fragebögen, und die Studien unterscheiden sich stark in Technik und Dauer. In der Metaanalyse hatten die meisten Studien ein mäßiges Verzerrungsrisiko; große, gut verblindete Studien fehlen. Schnelles Atmen kann Unruhe auch verstärken.
Sodbrennen
- Erste Hinweise
Bauchatmung trainiert das Zwerchfell, das den Verschluss zwischen Speiseröhre und Magen von außen unterstützt. Die deutsche Leitlinie zur Refluxkrankheit nennt vier kontrollierte Studien, in denen Atemtraining Refluxbeschwerden, Säuremessungen und den Verbrauch von Säureblockern verbesserte. In einer randomisierten Studie mit 19 Betroffenen sank nach vier Wochen Training die Säurebelastung der Speiseröhre; wer weiter übte, brauchte nach neun Monaten weniger Säureblocker.
Was dagegen spricht
Die Studien sind klein und kurz. In einer randomisierten Studie mit Bauchatmung nach dem Essen sank zwar die Zahl der Rückflüsse, die gesamte Säurebelastung über den Tag unterschied sich gegenüber einer Scheinübung aber nicht. Eine Übersicht von 2023 sieht den Nutzen vor allem bei ausgewählten Betroffenen.
Stress im Alltag
- Erste Hinweise
Atemübungen gehören zu den kürzesten Formen der Stressbewältigung: Viele dauern nur Minuten und brauchen nichts. Eine Metaanalyse von zwölf randomisierten Studien mit 785 Erwachsenen fand nach Atemübungen weniger Stresserleben als in Vergleichsgruppen ohne, mit kleinem bis mittlerem Effekt. In einer randomisierten Studie, die online lief, besserte das tägliche zyklische Seufzen, zweimal einatmen und lange ausatmen, über einen Monat für fünf Minuten am Tag die Stimmung stärker als eine Achtsamkeitsmeditation gleicher Länge.
Messbar ist auch eine Veränderung im Körper: Langsames Atmen erhöht die Herzfrequenzvariabilität, ein Zeichen für ein stärker auf Ruhe eingestelltes Nervensystem.
Was dagegen spricht
Die meisten Studien der Metaanalyse hatten ein mäßiges Verzerrungsrisiko, und die Autorinnen und Autoren mahnen selbst, die Begeisterung für Atemübungen nicht größer werden zu lassen als die Belege. Die Studie zum Seufzen ist eine einzelne, mit gesunden Freiwilligen und selbst berichteter Stimmung. Dass langsames Atmen die Herzfrequenzvariabilität erhöht, heißt noch nicht, dass Stress im Alltag nachhaltig sinkt.
Wer das anbietet
Für Fragen zu deiner persönlichen Situation sind Fachleute die richtige Anlaufstelle: deine Hausarztpraxis, deine Apotheke oder Heilpraktiker:innen mit Zulassung.
Die Methoden auf dieser Seite bieten zum Beispiel an: Physiotherapeut:in, Psychotherapeut:in, Coach.
Fachleute finden Dazu ist noch niemand im Verzeichnis.
Risiken
Ruhiges, langsames Atmen ist für die meisten Menschen unbedenklich; nach der Metaanalyse mit 223 Studien sind wenige Nebenwirkungen zu erwarten. Anders ist es bei schnellem, tiefem Atmen über längere Zeit und bei langem Luftanhalten: Das kann Schwindel, Kribbeln in Händen und Gesicht, Verkrampfungen und Ohnmacht auslösen. Übungen mit Luftanhalten oder schnellem Atmen machst du deshalb nie im Wasser, in der Badewanne oder beim Autofahren, sondern im Sitzen oder Liegen.
Bei Epilepsie, in der Schwangerschaft, bei Herz- oder Lungenerkrankungen und bei einer Panikstörung besprich vor allem schnelle Atemtechniken und langes Luftanhalten vorher ärztlich. Manche Menschen werden unruhiger, wenn sie auf ihren Atem achten; dann hör auf.
Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust und plötzliche Atemnot sind kein Fall für Atemübungen: Ruf den Notruf 112, auch wenn es sich wie Panik anfühlt.
Quellen
Alle 11 Quellen anzeigen
- Laborde S, Allen MS, Borges U, Dosseville F, Hosang TJ, Iskra M, et al.. Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis.. Neuroscience and biobehavioral reviews, 2022MetaanalyseDOI 10.1016/j.neubiorev.2022.104711PubMed 35623448
- Fincham GW, Strauss C, Montero-Marin J, Cavanagh K. Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials.. Scientific reports, 2023MetaanalyseDOI 10.1038/s41598-022-27247-yPubMed 36624160
- Balban MY, Neri E, Kogon MM, Weed L, Nouriani B, Jo B, et al.. Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal.. Cell reports. Medicine, 2023Randomisierte kontrollierte StudieDOI 10.1016/j.xcrm.2022.100895PubMed 36630953
- Barba E, Livovsky DM, Accarino A, Azpiroz F. Thoracoabdominal Wall Motion-Guided Biofeedback Treatment of Abdominal Distention: A Randomized Placebo-Controlled Trial.. Gastroenterology, 2024Randomisierte kontrollierte StudieDOI 10.1053/j.gastro.2024.03.005PubMed 38467383
- Moshiree B, Drossman D, Shaukat A. AGA Clinical Practice Update on Evaluation and Management of Belching, Abdominal Bloating, and Distention: Expert Review.. Gastroenterology, 2023LeitlinieDOI 10.1053/j.gastro.2023.04.039PubMed 37452811
- Melchior C, Hammer H, Bor S, Barba E, Horvat IB, Celebi A, et al.. European Consensus on Functional Bloating and Abdominal Distension-An ESNM/UEG Recommendations for Clinical Management.. United European gastroenterology journal, 2025LeitlinieDOI 10.1002/ueg2.70098PubMed 40844856
- S2k-Leitlinie Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis (AWMF-Register 021-013), Version 3.0. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), 2023LeitlinieZur Quelle
- Eherer AJ, Netolitzky F, Högenauer C, Puschnig G, Hinterleitner TA, Scheidl S, et al.. Positive effect of abdominal breathing exercise on gastroesophageal reflux disease: a randomized, controlled study.. The American journal of gastroenterology, 2012Randomisierte kontrollierte StudieDOI 10.1038/ajg.2011.420PubMed 22146488
- Casale M, Sabatino L, Moffa A, Capuano F, Luccarelli V, Vitali M, et al.. Breathing training on lower esophageal sphincter as a complementary treatment of gastroesophageal reflux disease (GERD): a systematic review.. European review for medical and pharmacological sciences, 2016Systematischer ReviewPubMed 27874942
- Halland M, Bharucha AE, Crowell MD, Ravi K, Katzka DA. Effects of Diaphragmatic Breathing on the Pathophysiology and Treatment of Upright Gastroesophageal Reflux: A Randomized Controlled Trial.. The American journal of gastroenterology, 2021Randomisierte kontrollierte StudieDOI 10.14309/ajg.0000000000000913PubMed 33009052
- Zdrhova L, Bitnar P, Balihar K, Kolar P, Madle K, Martinek M, et al.. Breathing Exercises in Gastroesophageal Reflux Disease: A Systematic Review.. Dysphagia, 2023Systematischer ReviewDOI 10.1007/s00455-022-10494-6PubMed 35842548