Pflanze
Passionsblume
Passiflora incarnata
Auch bekannt als: Passionsblumenkraut, Fleischfarbene Passionsblume, Passiflora, Passiflorae herba

Kurz erklärt
Die Passionsblume (Passiflora incarnata) ist eine mehrjährige Kletterpflanze mit Ranken, die im Südosten und in der Mitte der USA heimisch ist. Arzneilich genutzt wird das getrocknete Kraut, also die oberirdischen Teile, die auch Blüten und Früchte enthalten können. Mit der Maracuja (Passiflora edulis) ist sie verwandt, das Arzneikraut stammt aber allein von Passiflora incarnata. Ihren Namen verdankt sie einer christlichen Deutung der Blüte: Im Kranz aus feinen Fäden sahen Missionare die Dornenkrone, in anderen Blütenteilen weitere Zeichen der Passion Christi.
Die wichtigsten Inhaltsstoffe sind Flavonoide, vor allem Abkömmlinge von Apigenin und Luteolin wie Isovitexin und Isoorientin. Das Europäische Arzneibuch verlangt für das Kraut mindestens 1,5 Prozent Gesamtflavonoide. Dazu kommen Spuren von ätherischem Öl und von Gynocardin, einem cyanogenen Glykosid. Manche Angaben aus älterer Literatur halten neueren Prüfungen nicht stand: Harman-Alkaloide lassen sich in den meisten Handelswaren nicht nachweisen, Maltol ist möglicherweise gar kein natürlicher Inhaltsstoff, und ein als Hauptwirkstoff beschriebenes Benzoflavon fanden spätere Untersuchungen in Pflanzen aus Indien und Frankreich nicht, in italienischen nur in Spuren.
Die Stoffliste von Bund und Ländern kennt Passionsblumenkraut als Tee und in Nahrungsergänzungsmitteln. Zugleich führt sie das Kraut als Arzneistoff und traditionelles Arzneimittel und empfiehlt, seine Verwendung in Lebensmitteln zu beschränken (Liste B). Die Liste ist eine Empfehlung der Behörden, kein Gesetz; ob ein Produkt Lebensmittel oder Arzneimittel ist, wird im Einzelfall entschieden. In vielen EU-Ländern sind Arzneimittel mit Passionsblumenkraut als traditionelle pflanzliche Arzneimittel registriert, in Deutschland gibt es das Kraut auch als Tee mit Standardzulassung. Eine Gesundheitsaussage für Passionsblume ist in der EU nicht zugelassen.
Wofür
Einschlafprobleme
- Erste Hinweise
- Traditionell genutzt
Die EU-Monographie führt Passionsblumenkraut auch als traditionelles Mittel zur Unterstützung des Schlafs, gestützt auf lange Anwendung statt auf einen Wirksamkeitsnachweis. Zwei kurze placebokontrollierte Studien liefern erste Hinweise: Ein abendlicher Tee besserte bei gesunden jungen Erwachsenen die empfundene Schlafqualität leicht, und bei Menschen mit Insomnie nahm die im Schlaflabor gemessene Schlafdauer unter einem Extrakt nach zwei Wochen um etwa 23 Minuten zu, unter Placebo praktisch nicht.
Bei anhaltenden Schlafproblemen ist nach der S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie die erste Wahl; gegen Phytopharmaka zur Behandlung der Insomnie spricht sich die Leitlinie in Empfehlung T9 aus.
Was dagegen spricht
Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ spricht sich in Empfehlung T9 gegen Phytopharmaka zur Behandlung der Insomnie aus (Empfehlungsgrad B), weil die Studien insgesamt von niedriger Qualität sind; eine Metaanalyse speziell zur Passionsblume führt sie nicht auf.
Beide Studien sind kurz, die Teestudie zudem klein. In der Teestudie besserte sich von sechs Werten im Schlaftagebuch nur die empfundene Schlafqualität, um etwa fünf Prozent; bei der Einschlafdauer gab es keinen Unterschied zum Placebo, und im Schlaflabor zeigte sich bei den zehn dort untersuchten Teilnehmenden überhaupt kein Unterschied. Menschen mit Schlafstörungen waren in dieser Studie nicht dabei. In der Studie mit Insomnie-Betroffenen war der Unterschied bei der Schlafdauer statistisch knapp, Schlafeffizienz und nächtliche Wachzeit unterschieden sich nicht vom Placebo, und wie Schlaftagebuch und Fragebögen ausfielen, geht aus der veröffentlichten Zusammenfassung nicht hervor.
Innere Unruhe
- Erste Hinweise
- Traditionell genutzt
Die EU-Monographie führt Passionsblumenkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel, um leichte Beschwerden bei nervlicher Belastung zu lindern. Grundlage ist die lange Anwendung, nicht ein Nachweis der Wirksamkeit: Die Europäische Arzneimittel-Agentur hält die vorhandenen Studien für zu schwach, um eine Wirkung als belegt anzusehen.
Kleine randomisierte Studien, meist zu Angst vor Operationen oder zu einer diagnostizierten Angststörung, deuten auf eine angstlösende Wirkung hin; mehr als erste Hinweise sind das nicht. Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, gehört das ärztlich abgeklärt.
Was dagegen spricht
Die Europäische Arzneimittel-Agentur fand in allen Studien, die sie 2014 bewertete, schwere Mängel, etwa zu wenige Teilnehmende, eine unzureichende Auswertung oder nicht genau beschriebene Präparate. Ein Cochrane-Review fand nur zwei geeignete Studien mit zusammen 198 Teilnehmenden, zu wenige für eine Schlussfolgerung. In einer Netzwerk-Metaanalyse pflanzlicher Mittel bei Angst war der Effekt der Passionsblume statistisch nicht gesichert.
Die oft zitierte Gleichwertigkeit mit dem Beruhigungsmittel Oxazepam beruht auf einer Pilotstudie mit 36 Personen ohne Placebogruppe, die für einen solchen Vergleich nicht angelegt war. In einer kleinen Studie mit zwölf gesunden Frauen ließ sich die Wirkung eines Passionsblumenextrakts im EEG nicht von Placebo unterscheiden. Die meisten Studien untersuchten Angst vor einem Eingriff oder eine Angststörung, nicht alltägliche innere Unruhe, und ein systematischer Überblick fand den Effekt bei leichten Angstbeschwerden schwächer.
Studien mit Kombinationspräparaten, etwa mit Baldrian, Melisse und Pestwurz, lassen sich nicht auf die Passionsblume allein übertragen, und die Aussage, sie verstärke die Wirkung von Johanniskraut, stützt sich auf Labor- und Tierversuche. Schließlich die Qualität: In einer Laboranalyse erfüllten fünf von sechs Nahrungsergänzungsmitteln mit Passionsblume die Anforderungen an Identität und Gehalt nicht.
Quellen: Quelle 1, Quelle 2, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8, Quelle 9, Quelle 10, Quelle 11, Quelle 12, Quelle 13, Quelle 14
Anwendung
Formen und Einnahme
- Tee aus PassionsblumenkrautDas zerkleinerte Kraut wird mit kochendem Wasser aufgegossen. Für Arzneitees gilt der Mindestgehalt an Flavonoiden aus dem Europäischen Arzneibuch, für Kräutertee als Lebensmittel ist er nicht verbindlich.
- Gepulvertes KrautGemahlenes Kraut in Kapseln oder Tabletten; die EU-Monographie führt es als eigene Zubereitung mit eigener Einzelmenge.
- Flüssigextrakte und TinkturenTropfen, die mit Alkohol-Wasser-Gemischen hergestellt werden und deshalb Alkohol enthalten. Die Extrakte unterscheiden sich stark in ihrer Stärke; maßgeblich ist die Angabe des jeweiligen Produkts.
- TrockenextrakteGetrocknete Extrakte in Tabletten, Kapseln oder Dragees. Die EU-Monographie nennt für sie Mengen, die denen von Tee und Flüssigextrakten entsprechen; Milligramm-Angaben lassen sich nur zwischen gleichartigen Extrakten vergleichen.
- KombinationspräparateHäufig zusammen mit Baldrian, Melisse oder Hopfen. Die EU-Monographie gilt nur für Passionsblume allein, und Studien mit Kombinationen lassen sich nicht auf die einzelne Pflanze übertragen.
- NahrungsergänzungsmittelPassionsblume wird auch als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. In einer Laboranalyse von 2025 erfüllten fünf von sechs solcher Produkte die Anforderungen an Identität und Gehalt nicht, alle geprüften registrierten Arzneimittel dagegen schon.
Passionsblume wird als Tee, als Tropfen oder in Tabletten und Kapseln eingenommen. Je nach Zubereitung sieht die EU-Monographie ein bis fünf Einnahmen am Tag vor; die Mengen stehen in der Dosis-Übersicht und in der Packungsbeilage des jeweiligen Arzneimittels.
Halten die Beschwerden nach zwei Wochen noch an oder werden sie stärker, gehört das ärztlich abgeklärt. Wer sich nach der Einnahme benommen fühlt, fährt nicht Auto und bedient keine Maschinen.
Dosis-Übersicht
| Grundlage | Menge | Einordnung |
|---|---|---|
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 1–2 g Einzeldosis | Jugendliche und Erwachsene ab 12 Jahren · Tee: zerkleinertes Kraut mit 150 ml kochendem Wasser aufgegossen, ein- bis viermal am Tag. Angabe der EU-Monographie für traditionelle pflanzliche Arzneimittel; halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, ärztlich abklären lassen. Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 0,5–2 g Einzeldosis | Jugendliche und Erwachsene ab 12 Jahren · Gepulvertes Kraut, ein- bis viermal am Tag (EU-Monographie). Nicht für Kinder unter 12 Jahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| ArzneimittelDosierung laut EU-Monographie oder Zulassung eines Arzneimittels | 0,3–4 ml Einzeldosis | Jugendliche und Erwachsene ab 12 Jahren · Flüssigextrakte: Je nach Extrakt nennt die EU-Monographie Einzelmengen zwischen 0,3 und 4 ml, bis zu fünfmal am Tag. Die Extrakte sind unterschiedlich stark und nicht gegeneinander austauschbar; es gilt die Angabe des jeweiligen Arzneimittels. Flüssigextrakte enthalten Alkohol; nicht in Schwangerschaft und Stillzeit. Quelle: Quelle 1 |
| In Studien genutztSpanne aus ausgewerteten Studien | 2 g Einzeldosis |
Keine persönliche Dosisempfehlung. Sprich vorher mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Apotheke, besonders wenn du Medikamente nimmst.
Risiken
Nebenwirkungen
Die EU-Monographie nennt keine bekannten Nebenwirkungen, und für registrierte Arzneimittel sind in der EU laut Bewertungsbericht offenbar keine gemeldet worden. Der Bericht führt aber Einzelfälle auf: sehr selten Überempfindlichkeitsreaktionen, darunter eine Entzündung der Blutgefäße, und einen Fall mit Übelkeit, Erbrechen, Benommenheit und Herzrhythmusstörungen, bei dem sich ein Zusammenhang mit der Passionsblume nicht sicher klären ließ. Passionsblume kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen.
Wechselwirkungen
- Beruhigungs- und Schlafmittel, z. B. Benzodiazepine wie LorazepamMittel
Die dämpfenden Wirkungen könnten sich addieren. Die EU-Monographie führt keine berichteten Wechselwirkungen auf; der Bewertungsbericht der EMA rät trotzdem von der gleichzeitigen Einnahme mit synthetischen Beruhigungsmitteln ab, auch ohne klinische Daten dazu. Beschrieben ist ein Einzelfall: Ein Mann nahm zu Lorazepam Baldrian und Passionsblume ein und bekam Händezittern, Schwindel und Muskelermüdung, die nach dem Absetzen der Pflanzenmittel verschwanden. Labor- und Tierversuche deuten auf eine Wirkung über das GABA-System, an dem auch Benzodiazepine ansetzen; geklärt ist der Mechanismus nicht.
Wer es nicht nehmen sollte
Nicht einnehmen bei Überempfindlichkeit gegen Passionsblume. Für Kinder unter 12 Jahren empfiehlt die EU-Monographie sie nicht, weil ausreichende Daten fehlen. Auch in Schwangerschaft und Stillzeit wird sie nicht empfohlen: Die Sicherheit ist nicht untersucht, und Prüfungen auf Schäden an Erbgut und Fortpflanzung oder auf eine krebserregende Wirkung liegen nicht vor.
Überdosierung
Fälle von Überdosierung sind nach der EU-Monographie nicht berichtet. Ältere Übersichten nennen eine stärkere Dämpfung als mögliche Folge sehr hoher Mengen.
Nächster Schritt
Bevor du etwas einnimmst: Lass dich beraten, zum Beispiel in deiner Hausarztpraxis oder deiner Apotheke. Bring vorhandene Laborwerte mit, und sag, welche Medikamente du nimmst.
Mehr zu den Themen findest du oben unter Wofür und in der Themenübersicht.
Quellen
- Community herbal monograph on Passiflora incarnata L., herba (EMA/HMPC/669740/2013). European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), 2014MonographieZur Quelle
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